Uwe Topper, Berlin

Edwin Johnson, ein radikaler Verfechter der Chronologiekritik

Ende des 19. Jahrhunderts gab es in Mitteleuropa mehrere Gelehrte, die sehr genau erkannten, wie verzerrt das Gespinst christlicher Geschichtsschreibung ist. Sie kämpften heftig und mit außergewöhnlicher Logik und Schärfe dagegen an, weshalb ihre Arbeiten heute noch großen Wert haben. Mit dieser Radikalität wurde Geschichtskritik in deutscher Sprache nach fast hundert Jahren erst wieder von Christoph Marx vertreten und neuerdings von Dr. Eugen Gabowitsch mit großer Energie vorangetrieben. Darum ist das Buch des englischen Philologen Edwin Johnson "The Pauline Epistles" (Watts und Co., London 1894) von ganz besonderem Interesse für unsere Arbeit.
Manche Sätze darin klingen wie meine eigenen in "Die Große Aktion" (Tübingen 1998), ohne daß ich mich rühmen könnte, Johnson gelesen zu haben. Ein Theologe, der in Berlin die Radikalkritik nach holländischer Schule vertritt, Dr. Hermann Detering, wies mich kürzlich auf dieses Buch hin, von dem er auf seiner Webseite (www.radikalkritik.de) sagt, es vertrete eine ähnlich radikale Kritik wie die von Illig und Topper.
Allerdings ist Illig mit dieser wohlgemeinten Beurteilung weit überfordert, denn seine 296 (297) Jahre, die er im Mittelalter ausschneidet, können sich mit Johnsons Gewißheit, daß 1500 Jahre Kirchengeschichte zuviel sind, nicht messen. Radikal ist die Geschichtskritik von Heinsohn und Illig hauptsächlich für die Steinzeit und die Anfänge der Geschichte ("Sumerer", alte Ägypter, frühe Perser etc.)
Johnsons Erkenntnisse passen besser zu den radikalen Aussagen von Jean Hardouin, Wilhelm Kammeier und Christoph Marx. Angesichts der Genauigkeit und des Durchblicks dieser Forschunsgarbeit, die Johnson vor mehr als hundert Jahren vorgelegt hat, finden viele Ergebnisse unserer Chronologiekritik der letzten Jahrzehnte eine wichtige zusätzliche argumentative Stütze.
Johnson erkennt zum Beispiel, daß auch das 16. Jahrhundert noch keine festen Daten besitzt; das früheste brauchbare Datum in England sei 1533 (S. 9, letzter Abs., ich zitiere nach der Internet-Version, die andere Seitenzahlen als das Original verwendet, wobei diese stets angegeben werden). Aber erst in den darauffolgenden Jahrzehnten beginnt in England ein verläßliches Datierungssystem.
Latein ist die erste Sprache der Kirche gewesen, nicht Griechisch (S. 12, Mitte und öfters), und die Kirche entstand nicht im Orient, sondern in Mitteleuropa gegen 1500 (S. S. 18 und S. 26). So etwa schrieb ich mit bangem Mute in "Die Große Aktion", ohne die guten Beweise nennen zu können, die Johnson als Theologe vorgelegt hat. Man müßte noch genauer definieren, was mit "Anfang der Kirche" gemeint ist. Soweit ich Johnson verstehe, kann er sich eine katholische Kirche ohne den Besitz eines festen Bibeltextes nicht vorstellen, und das ist wohl eine akzeptable Grenzziehung. Religiöse Organisationen mögen vorher bestanden haben - es waren vor allem die Mönchsorden - aber was dort gelehrt und geglaubt wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.
Die literarischen Zweitquellen, die Johnson verwendet, sind leider nur knapp erwähnt, da er hauptsächlich auf Originalschriften des 16. Jahrhunderts zurückgreift. Er kannte allerdings die Schriften von Jean Hardouin (S. 20 Mitte), die ich nur bruchstückweise lesen konnte, und spricht von einer Tafelrunde (S. 19 Mitte) mit Direktor und ausführenden Mönchen, wie sie Kammeier mit dem Begriff "Große Aktion" entworfen hatte, ohne daß letzterer die ausführenden Personen in solcher Schärfe gesehen hätte.
Auch die Hast bei der Herstellung der Bibel – zumindest des Neuen Testamentes – hat Johnson zwingend dargestellt und dies als Argument für ihr junges Alter verwendet (S. 33 Mitte), ganz wie ich 1998 schrieb und in "Fälschungen der Geschichte" (2001, S. 240) zitiere, wo ich den Wettlauf zwischen den Spaniern und Erasmus von Rotterdam skizziere: "Dann ist die Fassung des Erasmus beinahe der so heiß gesuchte Urtext der Bibel." Hätte ich Johnson gekannt, hätte ich mir das Wort "beinahe" sparen können und einen Hinweis auf seine Arbeit eingefügt.
Es ist erstaunlich, wie viele Theologen und Gelehrte den Durchblick hatten und in diesem aufgeklärten Zeitalter, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ihre Forschungen veröffentlichten. Sie wurden gelesen und bekämpft, keineswegs totgeschwiegen.

Johnson begann nicht als Chronologiekritiker, sondern indem er realistisch die Heilige Schrift in der Nachfolge von Baur und Harnack untersuchte. Sein erstes großes Buch ist ANTIQUA MATER, A Study of Christian Origins (Trübner and Co., London 1887). Darin untersucht er die kirchlichen Texte des angeblichen 2. Jh.s und erkennt, daß sie nicht jünger sondern älter als die Abfassung des Neuen Testamentes sein müssen.
In diesem früheren Werk vertritt Edwin Johnson noch den kritischen Standpunkt von bekannten Theologen wie D.F. Strauß, Ferdinand Christian Baur und Adolf Harnack, die die Geschichtlichkeit der biblischen Berichte ablehnten oder zumindest sehr kritisch in Frage stellten. Echte chronologische Zweifel sind noch nicht aufgetaucht. Dennoch können wir einige Passagen für unsere Arbeit verwenden, weil sie auch ohne chronologische Korrekturen wertvoll sind, da sie das relative Vor- und Nachher der Ebioniten, Gnostiker usw. deutlich machen.

In seinem sieben Jahre später erschienenen Buch, "The Pauline Epistles" (zu diesem Zeitpunkt ist der Professor schon emeritiert) ist die Chronologiekritik voll ausgebreitet, und zwar in einer Schärfe, wie sie seinen Zeitgenossen unerträglich sein mußte. Nachdem er zahlreiche Schriften mit diesem neuen Tenor veröffentlichte und harsche Kritik erntete, faßt er nun seine Gedanken in einer Besprechung der Paulusbriefe zusammen, die das Ergebnis seiner historisch-kritischen Lebensarbeit ist, und das sieht revolutionär aus:
Die christliche Kirche entstand in den benediktinischen Klöstern Frankreichs (Paris und Lyon) um 1500, die katholischen Kirchenväter wurden von imkompetenten Mönchen geschrieben, das Neue Testament ist als Folge davon entstanden. Es gibt keine älteren Texte, und der Inhalt verrät die Zeit: Beginn des Buchdrucks.
Der wird bekanntlich mit 1460 angegeben, und schon in den nächsten 20 Jahren sollen erste Bibeln gedruckt worden sein. Wenn nicht alle diese Bibeln später rückdatiert wurden, was Johnson zumindest andeutet, müßte ich die chronologische Annahme von Johnson um etwa 50 Jahre korrigieren.
Jedenfalls wurde ich an dieser Stelle hellhörig und versuchte, meine Version, dass es im 12. Jh. schon einen ersten Ansatz christlicher Religion gegeben haben könnte, zu retten. Aber das ist nicht leicht gegenüber dem Wissen eines Theologen, der mit Humor und im Bewußtsein seiner Schwächen die Wahrheit darstellte, und die lautet: Die Reformation Martin Luthers war der erste Versuch, die aufstrebende Katholische Kirche Frankreichs niederzuringen. Vorher gab es keine Kirche im eigentlichen Sinne, d.h. als Vertreter der biblischen Lehren. Die Schöpfung der Bibeltexte, die von den Reformatoren wie den Katholiken mit großem Eifer in wenigen Jahren - teils gemeinsam, teils gegeneinander - durchgeführt wurde, legte erst den Grundstein für christliche Kirchen, gleich welcher Art.
Mein Entwurf, das Papsttum sei in Avignon zweihundert Jahre eher entstanden, leidet laut Johnson an zwei Fehlern: Die zweihundert Jahre sind ausgedacht, und dass die Mönche von Avignon, (der erste war ein Tibeter, wie mir scheint) als erste Päpste der Katholischen Kirche gelten könnten, ist eine Fiktion wie alle früheren.
Auf welche Chronologiekritiker Johnson aufbaute, ob er z. B. Newtons Spätwerk in Betracht zog, wissen wir nur andeutungsweise. Wie auch Johnson selber schreibt: "Vielleicht hat noch niemand diesen Gedanken gehabt, den ich hier mitteile, jedenfalls habe ich ihn nirgendwo gelesen." Aber Hardouin hat er gelesen (S. 20 Mitte) und zitiert ihn (S. 81, ebenso S. 98). Von diesem Jesuiten hatte ich 1998 (S. 14) berichtet, daß er 28 Jahre lang (1687 bis 1715) im Auftrage des französischen Königs und der Kirchenversammlung die Akten sämtlicher Konzilien vom 1. Jahrhundert bis zu seiner eigenen Lebenszeit neu ordnete und herausgab. Zehn Jahre später – also nach weiteren Korrekturen – wurde das Werk freigegeben und gilt seitdem als verbindlich. Er war es hauptsächlich, der diesen Zeitroman erfunden hat und am besten kannte. Und er war auch der einzige, der das damals mit dieser Klarheit gesagt hat.

Die wichtigsten Gedanken Johnsons scheinen mir folgende zu sein:
Vor dem Tridentinischen Konzil (angeblich ab 1545 in Tirol und Norditalien) gab es noch keine Vulgata, zumindest keine vollständige oder anerkannte Version lateinische Bibel. In den folgenden zwanzig Jahren entsteht sie erst. Luthers Anteil an der Bibelschöpfung ist unübersehbar, besonders in den Briefen des Paulus, die den Streit zwischen rivalisierenden Benediktinern und Augustinern etc. widerspiegeln und daher so komplex, widersprüchlich und unverständlich sind. Auch einige Augustinus-Texte dürften von Luther oder seiner Umgebung stammen.
Da aber der Text des Tridentinums von Hardouin geschrieben wurde, wissen wir wiederum nicht, was damals wirklich beschlossen wurde. Dennoch – so Johnson – verrät er uns den ganzen Vorgang der Tafelrunde. Das muß wohl daran liegen, daß die Wahrheit ohnehin nicht verschleiert werden konnte, zumindest nicht für Theologen. Und das Volk las die Dekrete des Tridentinums nicht.
Aus Johnson folgt, daß die "Reformierten" eine mönchische Bewegung waren, die man als späte Form des Urchristentums bezeichnen kann, vielleicht zwei Generationen nach Entstehung des Christentums, was für Johnson nicht vor Mitte des "15. Jahrhunderts" gewesen sein kann. Die Katholische Kirche entstand erst als Gegenbewegung dazu, eben auf dem Tridentinum. Hier stand der "Runde Tisch", den Johnson als Begriff für die "Große Aktion" benützt.
Als frühestes Datum für vertrauenswürdige Nachrichten aus der Zeit des Wiedererwachens der Wissenschaften, der Zeit des Buchdrucks, gibt Johnson mehrmals 1533 an, obgleich er sich vorsichtig ausdrückt, weil er nicht genau weiß, wann dieses Jahr liegt. Er verwendet lieber Begriffe wie "Tudor-Zeit", König Heinrich VIII von England usw. Etwa damals müßten Beda und Chaucer, die Kirchenväter und das Neue Testament geschrieben worden sein. Er kennt auch die Klöster, wo dergleichen Arbeiten vorgenommen wurden: Monte Cassino und Bobbio, Fulda, St. Irenäus von Lyon und vor allem St. Dénis und St. Germains von Paris, kennt sogar einige der Akteure (der berüchtigte Abt Tritheim gehörte natürlich dazu), und spart nicht mit Bewunderung für diese Leistung, wobei er allerdings nicht verhehlt, daß er Lügen von dieser Größenordnung unwürdig für unsere Kultur empfindet, genauso wie er die Fortsetzung dieser Lügen durch heutige Gelehrte scharf verurteilt (S. 91-92).
Wenn Johnsons Schlußfolgerungen stimmen – und ich sehe keine Möglichkeit, sie zu widerlegen – dann beginnt unsere gesamte Literatur und Schriftkultur nicht vor 1460 (wenn das rückberechnete Datum stimmt, sagt er) mit dem Buchdruck. Aber unsere kostbaren Erstdrucke tragen häufig keine Daten oder sind willkürlich datiert, meist deutlich vordatiert. Wir wissen nicht, wie alt sie sind.
Viele Handschriften – besonders die Bibeltexte – sind nachträglich angefertigt, nach Druckvorlagen. Die Arbeit war um 1570 keineswegs abgeschlossen, sondern lief die ganze Zeit weiter, im 17., 18. und 19. Jh. mit unverminderter Kraft. In diesem Zusammenhang fällt auch Tischendorfs Name, den ich gerade als Hersteller des Codex Sinaiticus beschrieben habe (2001, Kap. VIII).
Gegen Schluß des Buches bespricht Johnson das Problem des Judentums, das ja bereits bestanden haben muß. Einer der Autoren, die die Briefe des Paulus verfaßten, müßte selbst Jude gewesen sein, wie auch ein jüdisches Altes Testament bereits vorgelegen haben müßte, wenn auch nicht unbedingt in der Gestalt, die es heute hat. Aber viel eher als 1500 kann das ebensowenig gewesen sein. Die Masoreten lebten in der Renaissance, ihre Heilige Schrift und der Talmud sind genauso eilig und monströs hergestellt und wohl zum gleichen Zeitpunkt wie die ersten christlichen Bücher. Die Parallelen im Herstellungsprozeß, die Johnson anführt, sind überzeugend auch für den, der keinen Einblick in diese Literaturgattung hat.
Wie mir Eugen Gabowitsch gerade im Gespräch mitteilt, haben Morosow und Fomenko, die wichtigsten russischen Chronologiekritiker, die Schriften von Edwin Johnson gekannt und teilweise darauf aufgebaut. Deshalb stellt sich die Frage, warum in der englischsprachigen Welt dieses wichtige Werk heute nicht mehr gelesen wird.

Noch unter dem Eindruck des genialen und aufregenden Buches von Johnson möchte ich meine ersten weiterführenden Gedanken hier skizzieren:
Die Naherwartung der Evangelienschreiber war doch echt, aber schon leicht abgeflaut, als sie ihre Texte verfaßten; die Vorstellung von der "Verzögerung" war jedenfalls echt (2. Petrus 3, 15 ; 2. Kor. 7, 15 etc.). Da eine jahrelange Naherwartung nicht vorkatastrophisch sein kann (das gibt es nicht einmal bei Ratten), ist sie das typische Trauma der Überlebenden einer Katastrophe. Sie hatten Angst vor einer Wiederholung des Vorgangs. Aus der Kenntnis früherer Katastrophen, die stärker waren und tatsächlich einen "neuen Himmel und eine neue Erde" schufen, entstand die Angst, daß das nun bald wieder bevorstünde. Die "echte" Katastrophe müßte also bald folgen, glaubte man. Und das nennt man "Naherwartung".
Solange wir – Christoph Marx und Egon Friedell folgend – 1350 als letzten großen Ruck ansehen, muß die Naherwartung gegen 1380 (eine Generation später) begonnen haben und gegen 1410 abgeflaut sein. Ab diesem Zeitpunkt beginnt die Entstehung des Christentums, etwa mit den Konzilien von Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1443). Allerdings dürften die dazu genannten Jahreszahlen falsch sein, vor allem nicht in Relation zueinander gehören, sondern willkürlich festgelegt.
Da die monotheistische Epidemie weltweit stattfand, sind auch Thora und Koran nicht älter. Ich weiß noch, wie schockiert ich war, als ich vor wenigen Jahren im Lexikon las, daß die Schia erst 1502 von einem türkischen Herrscher aus machtpolitischen Gründen erfunden worden war. Normalerweise behauptet man, dass die Schiiten sich schon im 7. Jh. sich von den anderen Moslems (den Sunniten) gelöst haben und die Schia erst im 16. Jh. die Staatsreligion in Iran geworden ist. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu forschen, aber ohne Einbeziehung von Johnsons Erkenntnissen wird jede Erforschung der Chronologie unsinnige Ergebnisse bringen.

Literaturhinweise

  1. Detering, Hermann (1995): Der gefälschte Paulus. Das Urchristentum im Zwielicht (s.l.)
  2. Gabowitsch, Eugen (2001): Kamen die Mongolen aus dem Westen nach Rußland? (Efodon-Synesis Nr.4, Hohenpeißenberg)
  3. Johnson, Edwin (1887): ANTIQUA MATER, A Study of Christian Origins (Trübner a. Co., London)
  4. (1894): "The Pauline Epistles" (Watts und Co., London)
  5. Topper, Uwe (1998): Die Große Aktion (Tübingen)
  6. (2001): Fälschungen der Geschichte (München)