Illigs Methoden hinsichtlich des Prioritätsanspruches sind manchmal recht seltsam: Er hat z.B. die Angewohnheit, einen Artikel, der etwas Neues bringt, erst dann in seiner Zeitschrift zu veröffentlichen, wenn er selbst zu diesem Thema ebenfalls einen Artikel fertig hat, in dem garantiert drinsteht, daß er selbst diesen Gedanken schon viel eher hatte und nun durch den Beitrag von Soundso bestätigt wird.
Er tut dies sogar in seinen Büchern, etwa in dem, das er mit Gunnar Heinsohn gemeinsam verfaßt hat: "Wann lebten die Pharaonen?" (Eichborn 1990), wo er in der "editorischen Notiz" gleich zu Anfang klarstellt, daß zwar Heinsohn im Februar 1988 aus den Konsequenzen seiner mesopotamischen Chronologie-Revision den Anstoß gegeben habe, dieses aber erst im August 1988 durch Clark Whelton vor der Canadischen SIS publiziert wurde, während "Heribert Illig, der bereits im April 1988 damit begonnen hatte, ... daraufhin die Initiative für ein gemeinsames Buch ergriffen" hat. Da habt ihr's, liebe Leser: Illig was first!
So spielt Illig sogar mit Heinsohn Igel und Hase: Ick war all da!
Er tut das in fast jedem Aufsatz in seiner Zeitschrift, zumindest läßt er sich durch den Kollegen zitieren, indem er bei den Korrekturfahnen seine eigenen Aufsätze als Literaturangaben einfügt, wie er außerdem stolz im selben Heft (S. 530) betont: "Oft genug muß ich ihnen (den Autoren der ZS) erst diskret ein Argument in den Text schmuggeln."
Noch kühner tut er es in eigenen Büchern etwa so: "Illig i.V." (das soll als Literaturhinweis gelten und bedeuten: Illig hat vor, darüber etwas zu schreiben.
Man übergeht diese Allüren amüsiert, mancher hat allerdings ein befremdendes Gefühl dabei.
Der Gipfel dieser Anmaßung liegt allerdings darin, daß Illig aus den Überlegungen von Marx, Riemer und Niemitz eine These zusammengestellt hat, die leider die genannten fruchtbaren Ansätze verunstaltet. Die Antwort von Christoph Marx steht im nächsten Abschnitt.
Der Chefredakteur der Zeitschrift Efodon-Synesis, Gernot Geise, wies darauf hin, daß Illig ohnehin nicht der Erfinder der Mittelalterkürzung ist, sondern Thomas Riemer, einer der Zeitrekonstrukteure der ersten Stunde, der diese Idee in Illigs Zeitschrift publizieren wollte, aber von Illig - der damals noch bei Ägyptern, Assyrern und eventuell den Griechen steckte - ausgelacht wurde. Riemer zog sich enttäuscht zurück, und bald darauf veröffentlichte Illig diese Mittelalterkürzung als seine und Niemitz' Idee. Heute nur noch als seine. Riemer erhob nie Einspruch, weil er erstens derartige Mätzchen nicht mitmacht, und zweitens eine viel überragendere Idee hatte, in der Karl d.Gr. nur ein winziges Kalkül war.
Nun, meine Idee ist ja auch nicht die von Illig. Ich sage ja weder, daß Karl d.Gr. existiert hat noch daß er es nicht hat, sondern stelle nur fest, wie unsere Zeitrechnung entstanden ist und daß dabei gegenüber anderen Zeitrechnungen - zumal gegenüber der islamischen - ein Fehlbetrag von 297 Jahren auftaucht. Und das wurde von Anfang an von mir vertreten, oft unter eheblichem Einspruch gegen Illig.
Leider ist Illigs Quasi-Rezension meines Buches rein emotional gehalten, ohne Argumente zur Sache. Vorwürfe wie der folgende sprechen eine deutliche Sprache:
"S. 235: Auch sein Lieblingssteckenpferd Andalusien und Islam will Topper ohne meine Zügelführung reiten. Hier benutzt er Olagüe, um sich nicht auf meine Gedanken beziehen zu müssen (etwa ZS 1-95)." (S. 639)
Derartige Frechheiten kann Illig sich nur erlauben, weil einige Leser nicht im Bilde sind: Illig hatte vor meinem von ihm gedruckten Aufsatz über den Spanier Olagüe noch nie von diesem wichtigen Geschichtsrevisionisten gehört. Daß Topper für Andalusien und Islam kompetent ist, kann er durch seine Bücher belegen (ein spanisches Buch über Felsbilder in Andalusien 1988, ein deutsches bei Diederichs über den Islam 1984/1991). Der in Sachen Spanien und Islam (schon aus Unkenntnis der Sprachen) inkompetente Illig hat meine Recherchen auf diesen Gebieten stets gerne verwertet, wie er sogar in der handschriftlichen Widmung des Exemplares "Das erfundene Mittelalter" anerkennt.
Man erwartet von mir auch, daß ich auf die finanziellen Anschuldigungen Illigs eingehe, was ich zunächst für unwichtig hielt. Hier nun in aller Kürze:
In seiner Quasi-Rezension behauptet Illig, er habe mir das Manuskript meines Buches abgekauft (S. 631). Schön wär's gewesen! Da er meine ihm zugeschickte Diskette nicht lesen konnte, hat er mir 50.- Mark Unkostenbeitrag für Ausdruck und Porto überwiesen; am Telefon hatte ich 20.- Mark erwähnt, aber er wollte mir großzügig ein Geschenk zukommen lassen, wie er sagte. Zum Abkaufen eines Ms. durch einen Verleger bedarf es wohl anderer Summen.
Er hat mir und meiner Frau auch nicht die Tagungsgebühren für das Abonnententreffen in Leonberg bezahlt, wie er (S. 638) behauptet, sondern aus der Spendenkasse unseren Anteil für die Saalmiete und für zwei Mittagessen ergänzt, da ihm mein Vortrag sehr gelegen kam. Alle Arbeiten für Illig - Artikel, Recherchen und Vorträge - habe ich stets ehrenamtlich ausgeführt, wie jeder andere Kollege auch. Seine finanziellen Vorwürfe entbehren jeder Grundlage. Ich verstehe überhaupt nicht, was diese Anschuldigungen bezwecken.
Und er kreidet einen offensichtlichen Druckfehler an: Das Erscheinungsjahr seines Buches ist statt mit 1996, wie es im Literaturverzeichnis korrekt steht, im Text mit 1977 angegeben. (S. 638). Ja, auch Setzer und Korrekturleser sind Menschen. Tut mir leid. Da reicht aber ein sachlicher Hinweis, die Häme sollte er sich verkneifen, denn sein Heft enthält ebenfalls viele Druckfehler.
Illig hat sich von mir jahrelang anregen lassen und behauptet nun, daß ich ihm die Schau stehlen würde. Da muß in seinem Kopf etwas passiert sein nach all den Fernsehinterviews, die er geben mußte, und von denen ich nicht einmal träume.
Will er mit den Anschuldigungen vorsorgen, um nicht in Zukunft als Plagiator entlarvt zu werden? Und muß er sich da ausgerechnet an meiner Wenigkeit auslassen?
Mit dieser Frage leite ich über zu einem Kommentar zur Geschichtssalon-Einladung von Christoph Marx, der in seiner gewohnten Knappheit ein rhetorisches Meisterwerk darstellt und die Linie, um die es in der Sache geht, klar zeichnet.
From: "Marx" <marx@1.lol.li>
To: "Hans-Ulrich Niemitz" <niemitz@rz.htwk-leipzig.de>, <Cbloess@aol.com>
Cc: "Gunnar Heinsohn" <gheins@uni-bremen.de>, "Dr. E. Gabowitsch" <eg@iai.fzk.de>
Subject: Re: Einladung zum 16. Berliner Geschichtssalon - Programmänderung
Date: Thu, 4 Feb 1999 17:58:15 +0100
-----Original Message-----
From: Cbloess@aol.com <Cbloess@aol.com>
To: <pakaf@1.lol.li>
Date: Thursday, February 04, 1999 9:21 AM
Subject: Einladung zum 16. Berliner Geschichtssalon - Programmänderung
Neben Eurer eigendünkeltriefenden Urteilsanmassung über das Verhalten von "Zeitensprünge"-Wissenschaftlern vermisse ich in der Page die sehr viel tatsächlichere Darstellung von Eugen Gabowitsch. Ausserdem will ich meine eigene Kritik an Heriberts verblödeten "Prioritäts"-Ansprüchen und "Zitiationspflichten"(!!!) danebengestellt sehen, und zwar wie folgt:
[Die folgende
"Wissenschaftliche Zeitschriften sollen in ihren Autorenrichtlinien erkennen lassen, daß sie sich in Hinblick auf die Originalität eingereichter Beiträge und die Kriterien für die Autorschaft an der besten international üblichen Praxis orientieren. Gutachter eingereichter Manuskripte sollen auf Vertraulichkeit und auf Offenlegung von Befangenheit verpflichtet werden." (Empfehlung 12). All das ist leider bei "Zeitensprünge" nicht gegeben: keine Autorenrichtlinien, keine oder fast keine Gutachter (ich möchte gerne wissen, wer die Veröffentlichungen von Illig begutachtet), kein Offenlegen der Befangenheit seitens des Herausgebers; Redakteurs, Begutachters, Rezensenten, Beurteilers, Sanktionisten etc. etc. (alle in Personalunion).
Darum sollten wir lieber offen über unseren mal netten mal scheußlichen Tante-Emma-Laden und nicht über eine wissenschaftliche Zeitschrift sprechen! Also vergessen wir schleunigst jede "Diskussion über Rechte und Pflichten eines Wissenschaftlers"! (Punkt 6, Konsequenzen, der Einladung) Wir, auch diejenigen von uns, die in den Universitäten und Forschungseinrichtungen tätig sind, hören auf Wissenschaftler zu sein, wenn wir uns in der Szene aktiv machen, in der keine einzige wissenschaftliche Zeitschrift existiert und solange nicht existieren wird, solange Illig in seiner Zeitschrift keine, wenn auch noch so "rudimentäre Keimzelle öffentlicher Kontrolle" zuläßt.
Aber so schlimm ist das eigentlich nicht: die Welt besteht nicht nur aus Wissenschaftlern! Und unsere Chronologiekritik ist nicht unbedingt an die Wissenschaftler gerichtet (bei diesen haben wir sowieso wenig Chancen: die Konkurrenz ignoriert uns einfach und wird es so lange tun, wie es geht). Aber dann versuchen wir doch ehrlich zu sein: die Sache hat keinen akademischen Charakter, sondern es geht um die zunehmende Böswilligkeit von Illig und keinem anderen. In jeder geistigen Gemeinschaft (auch in der Wissenschaft) trifft man immer wieder Leute, die keine Konkurrenz ertragen, überdurchschnittlich aktiv keinen an sich vorbei an die Spitze ziehen lassen wollen und jeden zu fähigen Mitstreiter zu vernichten versuchen. Und wäre das Buch von Uwe Topper vom Papst persönlich veröffentlicht, hätte Illig früher oder später seine Böswilligkeit demonstriert und den als Konkurrenten verstandenen Topper ausgestoßen.
In vielen Briefen und Gesprächen habe ich als Neuling in der Szene versucht, die Aufmerksamkeit meiner Korrespondenten auf die nicht besonders demokratischen Zustände unter den "Zeitensprünglern" zu lenken. Voller Naivität, habe ich das gleiche auch in den an Herrn Illig gerichteten Briefen versucht. Hier einige Auszüge aus diesen Briefen, mit denen ich meine Stellungnahme zum Konflikt abrunden möchte:
***
Ihre Bemerkungen zu Uwes Buch waren sehr interessant und ich habe ihm da auch einiges vorzuwerfen, trotzdem finde ich das Buch sehr interessant und wichtig. Am Stil und der Präsentationsart kann man fast immer etwas finden. Manche Autoren sind viel sorgfältiger im Zitieren, aber trotzdem kaum lesbar für einen einfachen Leser. Uwe schreibt gut verständlich, insbesondere wenn er sich ein bißchen Mühe gibt, darauf zu achten. Das finde ich sehr wichtig. Die Beherrschung einer ausgefallenen literarisch sehr hochwertigen aber eindeutig elitären Sprache sollte man in literarischen und nicht in wissenschaftlichen Werken demonstrieren.
Selbstverständlich geht Uwe nicht so weit, wie Morosow, der nicht nur ähnliche Kritik an den antiken literarischen Quellen ausübte, sondern noch einen Schritt weiter ging und behauptete, daß es überhaupt keine antike Zeitperiode in der Geschichte Griechenlands im schulwissenschaftlichen Sinne gab, sondern daß die antike Periode in Wirklichkeit in den Jahrhunderten vor der Eroberung Griechenlands durch die Türken (= die Perser) im 15. Jh. stattfand.
Inhaltlich ist Toppers Kritik an den Quellen und Bekanntmachung der Fälscher wichtig. Ich habe meine eigene Vorstellungen von dem, was strategisch gemacht werden muß und das ist sehr einfach zu formulieren: die Chronologie ist tot und man muß der Menschheit klar zeigen, daß diese ein Fabrikat und ihre Geschichte eine Art Literaturwissenschaft ist. Das ist unheimlich schwierig, weil die Menschheit zu träge ist und ungern zweifelt und nachdenkt. Und darum, finde ich, sollte man die wenigen Kräfte, die die kanonisierte Chronologie skeptisch beurteilen, vereinigen und nicht gegeneinander aufbringen. Unser Ziel sollte es sein, nicht den Ruhm des einen oder anderen Erfinders von neuen Begriffen in die Welt zu bringen, sondern zu versuchen, alle Kräfte zu bündeln. Mit anderen Worten, ich bin eher ein Menschewik als Bolschewik, wenn Sie verstehen, was ich dabei meine.
Punkt 1) Der Wert eines Zitates:
Unter Plagiat versteht man gemeinhin das Wiederverwenden der gleichen Ausformung einer Idee, nicht die Weiterverarbeitung einer Idee. Wenn also jemand 20 Seiten aus einem anderen Buch abschreibt und in praktisch wörtlich gleicher Weise wiedergibt, ohne dies als Zitat zu kennzeichnen, begeht er Plagiat. Wenn aber jemand einen Gedanken von Spengler fortführt und nur allgemein sich darauf beruft, daß der Anstoß von Spengler kam, kann von Plagiat nicht die Rede sein.
Welchen Sinn hat ein Zitat überhaupt?
Es gibt prinzipiell zwei Gründe dafür, in wissenschaftlichen Werken andere entsprechende Werke zu zitieren:
1. Um dem Leser den Umkreis des Gedankenganges anzuzeigen, ohne daß der Autor gezwungen wäre, jetzt noch einmal auf hundert Seiten Spenglers These wiederholen zu müssen. Ich schreibe einfach: siehe Spengler 1918, Kapitel oder Seite etc. Derjenige Leser, der nicht gleich im Bilde ist, muß dann eben das entsprechende Werk zur Hand nehmen und darin lesen, wenn er den Ausführungen weiter folgen will.
Oder man bringt eine Abbildung, etwa eine Zeichnung eines Felsbildes, und gibt an, wer diese Zeichnung gemacht hat und wo sie zu finden ist. Wenn Illig in seinem ersten Buch zum Thema Frühgeschichte (1988) zwar mehrmals Topper zitiert, aber bei einer Zeichnung, die mitten unter anderen steht, vergißt, den Urheber der Zeichnung, Uwe Topper, und die Herkunft anzugeben, dann verliert diese Abbildung für Illigs Beweisführung an Wert, weil der Leser mißtrauisch fragen könnte: Wie gut ist denn die Quelle, aus der Illig hier geschöpft hat? Würde er lesen: Topper 1977, dann wüßte er: Ah, der Felsbilderfachmann, und brauchte eventuell nicht einmal das Buch zur Hand zu nehmen. Oder: Wenn Illig in seinem Pyramidenbuch (1996, 3. Auflage 1998) einige Sätze über die Geleisestraßen Europas bringt, aber nicht mehr mein Buch erwähnt, aus dem er das genommen hat und es auch im Literaturverzeichnis nicht mehr aufführt, dann sind dergleichen Anspielungen wertlos, denn ohne Angabe der Herkunft fehlt sowohl das Vertrauen in die Güte des Zitats als auch das Verständnis des Zusammenhangs.
2. Man zitiert, um dem eigenen Gedanken mehr Überzeugungskraft zu verleihen. Indem ich anführe, wer alles vor mir denselben Gedanken schon ausgesprochen und bewiesen hat, kann ich den Leser besser überzeugen. Die solcherart angeführten Werke müssen natürlich mehr oder weniger bekannt sein, zumindest allgemein zugänglich, und vor allem: sie müssen anerkannt oder zumindest irgendwie rezipiert sein!
In vielen Fällen ist es darum relativ wertlos, Heribert Illig als Beweisgrundlage anzugeben, da seine These noch längst nicht anerkannt wird. Ich zitiere seine Aufsätze und Bücher jedoch unverhältnismäßig oft, und das in Hinblick auf die Zukunft, weil ich überzeugt bin, daß sich seine These durchsetzen wird.
Alle anderen Formen des Zitats sind nebensächlich oder oft sogar peinlich und zumindest störend im Gesamtfluß des Textes. Es geht beim Zitieren weder um Erstgeburtsrechte noch um posthume Lorbeeren und schon gar nicht um Streicheleinheiten unter Kollegen, sondern um Schlüssigkeit der Aussage. Wenn Illig einen Autor zitiert, den er nur ausschlachtet, weil ein gewisses Detail aus dessen Werk in sein Konzept paßt, ansonsten aber diesen Autor verachtet, es aber versäumt zu sagen, daß er dieses Detail aus dem zitierten Werk eigentlich gegen die Gesamtanschauung des Autors verwendet, - und dies tut Illig sehr häufig - dann sollte er dieses Zitat besser unterlassen.
Untersuchen wir nun einen konkreten Vorwurf Illigs, dem ich schon vor dieser Schmährede widersprochen habe, ohne bei Illig Gehör zu finden. Er wirft mir nun erneut vor, ich hätte in meinem Buch "Die Große Aktion" im Kapitel über LeGoff versäumt zu erwähnen, daß Illig selbst über dasselbe Buch geschrieben habe. Daraufhin habe ich eifrig nach dieser Erwähnung LeGoffs in Illigs Schriften gesucht, aber nur feststellen können, daß er drei andere Bücher von LeGoff, nicht das berühmte Fegefeuer-Buch, zitiert.
Dieses Buch (französ. Original 1981) kannte ich seit mehr als 10 Jahren, also vor Illig, der nur die deutsche Ausgabe 1990 kennt. Mit Hans-Ulrich Niemitz sprach ich im Winter 93/94 über das Fegefeuer-Buch von LeGoff, da ich diese Gedanken in meinem Buch "Wiedergeburt" (Rowohlt, 10 000 Auflage, 1988) verwendet hatte.
Meine Frau Uta hat nun mit der ihr eigenen Arbeitsintensität aus den bald 200 Artikeln und Büchern von Illig denjenigen herausgefunden, in dem er auf 4 Seiten (innnerhalb eines 20-seitigen Artikels) über dieses Buch schreibt: im Juli 94 (VFG 2/94, S. 32 ff). Er hat also doch schon etwas über dieses Buch gesagt, vermutlich durch Hans-Ulrich Niemitz dazu angeregt.
Wie aber steht es nun mit dem Wert seines LeGoff-Zitates?
Mir geht es hier um den Unterschied in der Verwendung einer Quelle: Illig benützt LeGoff im positiven Sinne als Beweis und Stütze für seine These, ich dagegen zeige auf 24 Seiten, welchen Unsinn dieser allgemein hochgeschätzte Theologe verzapft hat. Da Illig die himmelschreienden Unstimmigkeiten in LeGoffs These nicht bemerkt hat, steht er eigentlich als Dummkopf da. Nicht das Herauspflücken brauchbarer Sätze aus bekannten Werken macht die echte Kennerschaft aus, sondern die sinnvolle Besprechung des Gesamtwerkes. Außerdem hat Illig nicht untersucht, woher LeGoff seine Gedanken bezogen hat, obgleich das doch gerade für ihn interessant gewesen wäre: Francis Bar hatte 35 Jahre vor LeGoff (PUF 1946) die grundlegende Vorarbeit geleistet, die LeGoff mit keinem Wort erwähnt, mir jedoch schon sehr lange bekannt war.
Ich fasse diesen Punkt noch einmal zusammen:
Ich verwende in meinem Buch das Buch von LeGoff unter Kenntnis seiner Herkunft und Gesamtanlage und zeige die Fehler auf, im Gegensatz zu Illig, der in einem Zeitschriftenaufsatz ekklektisch Sätze daraus als Stütze seiner These verwendet, diese aber in seinen Büchern nicht mehr wiederholt, möglicherweise durch meine harte Kritik an LeGoff gewarnt.
Jetzt unterstellt man mir gar, ich hätte LeGoffs Buch vielleicht nur "deshalb eigenhändig aus dem französischen Original übersetzt, um dadurch die Kenntnis einer deutschen Übersetzung aus Illigs Artikel zu verschleiern" (Einladungstext zu diesem 16. BGS).
Dies ist ein konkreter Vorwurf, der eine konkrete Antwort erlaubt: In meinem Buch "Die Große Aktion" gebe ich wahrheitsgemäß an, daß ich aus dem Original übersetzt habe, weil mir die deutsche Übersetzung nicht zugänglich war. Leider fand ich das berühmte Buch in keiner der großen Berliner Bibliotheken in Deutsch. Außerdem finde ich es durchaus berechtigt, wenn ein Mensch, der seit einem Jahrzehnt das französische Original liest, auch aus diesem seine Zitate selbst übersetzt, wie dies ohnehin meine Eigenart ist und bei vielen Büchern, zumal arabischen und spanischen, gar nicht anders möglich ist, da es keine deutschen Übersetzungen gibt.
Damit hat Illig nun gezeigt, wes Geistes Kind er ist, und uns eine Menge Zeit abgenötigt, diesen Vorgang aus meinen Unterlagen und seinen etwa 200 Schriften zu rekonstruieren.
Sollten wir unsere Arbeitskraft nicht besser einsetzen? Das hat mit Streitkultur und Sachlichkeit nichts mehr zu tun. Jeden Einwand zur Sache LeGoff würde ich mit Freude ausdiskutieren, nicht aber diesen Kampf um das Recht des Erstzitates, in dem Illig sich mit seiner Eifersucht bloßgestellt hat. Am Ende fällt es auf mich zurück, daß ich einem so unwürdig streitenden Kollegen überhaupt meine Aufmerksamkeit gewidmet habe.
Punkt 2) Soviel zur angeblichen Unterlassung von Zitaten.
Nun zum Plagiat:
Wer hat denn zuerst von 297 Jahren gesprochen oder geschrieben? Illig natürlich, behauptet er. Aber in seiner Zeitschrift im Herbst 93 (VFG 3-4/93, S.46) stehen explizit "wahrscheinlich 296 Jahre". Im selben Artikel (S.64) stellt Illig zwar fest, daß "nach antiker Rechnung 297 Jahre" zwischen zwei häufig benützten Ären liegen, hält dies aber für einen möglichen Druckfehler.
Bei mir kommt die Zahl 296 im Siebenschläferartikel im nächsten Heft vor (VFG 1/94, S. 42), und zwar in einer Weise, als sei dies ein bereits vorgeprägter Begriff, denn für die Leser der Zeitschrift war dies ja klar. Hätte Heribert Illig das nicht auch so gesehen, dann hätte er ganz sicher Einspruch erhoben, denn er lektoriert jeden Artikel äußerst genau (herzlichen Dank!) und schreibt oft sogar seinen Kommentar dazu im selben Heft, was nicht jedem Autor angenehm ist.
Nun zeigt sich, daß diese ominöse und mißverständliche Festlegung des Zeitintervalls auf die 296 Jahre, die seit längerem zum Inbegriff der Illigschen These geworden sind, von Manfred Zeller erstmals festgemacht wurden (3-4/93, S.106), während Niemitz den Begriff der Phantomjahre und Pseudojahre (3/92, S.66) vorher geprägt hatte und meist mit rund 300 Jahren rechnete.
Die Nennung der Eckjahre 614 und 911 stammt von Illig. Er erwog aber noch in der letzten Zeitschrift des Jahres 1992 (4/92, S.79), ob zwischen diesen Eckjahren nur 2 oder 10 oder 50 Jahre real seien; zwar sei eine direkte Verbindung plausibler geworden (S.93), es können "nicht mehr als maximal 5 Jahre" (S.96) stattgefunden haben; und am Schluß des Artikels (S.139) stellte er noch einmal fest, daß zwischen 614 und 911 "allenfalls einige wenige Realjahre" liegen. Im selben Heft wie Zeller nannte Illig dann "wahrscheinlich 296 Jahre" (3-4/93, S.46). Das geht also wohl auf Zellers Konto.
Als ich ein Jahr später (3/94, S.53) in seiner Zeitschrift die Korrektur anbrachte, 297 statt 296, basierend auf der Wochenzählung, veröffentlichte Illig das unwidersprochen. Die Aussage über seine 296 Jahre muß also richtig gewesen sein, ja er beharrte in der nächsten Nummer (1/95, S.49) noch immer auf 296 Jahren. Er nannte diese Zahl zwar nicht mehr explizit, wandte sie aber in seiner Rechnung an (bei der Umrechnung der ERA), so daß ich ein weiteres Mal in seiner Zeitschrift auf diesen Fehler hinweisen mußte (3/95, S.363), was Illig kommentarlos veröffentlichte, womit er indirekt eingestand, daß da ein Diskussionspunkt vorliegt. Auch ein halbes Jahr später (2/96 S. 243) hielt er noch nichts von dem Einwand der Wochenzählung, die diesmal von einem anderen Leser kam.
In seinem Buch "Hat Karl der Große je gelebt" (Eigenverlag 1994, S. 20) gewann Illig das nötige Jahr stillschweigend hinzu, indem er die Phantomzeit nach August 614 beginnen und im September 911 enden ließ. Dadurch kommen 297 Jahre heraus (S. 93), aber mit der Einschränkung: "Offen muß auch bleiben, ob die beiden Zeitgrenzen direkt aneinandergerückt werden können oder ob zwischen ihnen ein Zeitraum von etlichen Jahren bleibt..." (S. 20, wörtlich wiederholt in "Das erfundene Mittelalter", 1996, S.19).
Dies ist nun keine Diskussion darüber, ob Zellers 296 oder meine 297 Jahre richtig sind - eine gewiß interessante Diskussion, weil sie eine Menge Kalenderfragen aufrollt - sondern über eine Beschuldigung seitens Illigs und eine Rechtfertigung meinerseits, erarbeitet durch viele Tage des Nachlesens alter - zum Teil veralteter - Artikel der Zeitensprünge.
Illigs Vorwurf des Plagiats ist also irrtümlich oder unrichtig, denn seiner Meinung nach ist die Anzahl der übersprungenen Jahre vermutlich geringer als der Abstand zwischen den Eckdaten.
Punkt 3): Verlagswahl
Damit komme ich zu dem anderen Vorwurf, der mir in Illigs Schmähartikel wie auch in der Einladung zu diesem Salon gemacht wurde: Mit meiner Wahl des rechtsgerichteten Grabert-Verlages hätte ich das politische Image Illigs und der ganzen Gruppe gefährdet.
Die in Illigs Selbstverlag erschienene Ausgabe des Karlsbuches von 1994 deckt sich mit der neuen Fassung bei ECON von 1996 zum allergrößten Teil. Die ersten Seiten bis S.22 sind wörtlich gleich. Dann aber kommen zwei Absätze, die geändert sind, bevor es wörtlich gleichlautend wieder weitergeht. Diese beiden geänderten Absätze sind auffällig:
Im eigenen Verlag schreibt Illig, daß er durch seine ersten Kritiker als neuer Däniken verspottet wurde, im Bereich der UFOs angesiedelt. Ein Kritiker nahm gar "den Schweizer Göttersucher vor dem Vergleich mit dem Forscher Illig in Schutz, weil Dänikens Spekulationen wenigstens noch intelligent und spannend seien", zitiert Illig selbst (S. 23) mit dem klaren Sinn, daß er sich über Dänikens Spinnereien hoch erhaben fühle und derartige Feindseligkeiten als den "Sumpf emotionaler Auslassungen" ansehe, unwürdig einer so ernsten Diskussion.
Als dieses Buch nun bei ECON erscheinen sollte, muß ihm wohl der Lektor von ECON den Marsch geblasen haben, denn dieser Verlag lebt ja gerade von Däniken, Bermuda-Berlitz und sonstigen UFOristen. Prompt hat Illig seine ursprünglichen diskriminierenden Absätze gestrichen und durch "aktuellere" ersetzt.
Als ich noch kein Buch über das Thema Mittelalter veröffentlichen konnte, aber mit Illig schon lange in einem Boot saß, mußte ich von guten Freunden hören, daß ich "mit diesem Spinner, der neben Däniken u.a. im ECON-Verlag gerade herausgekommen ist, wohl meinen guten Ruf einbüßen werde". Ich habe dennoch versucht, mein Ms. bei ECON unterzubringen, da Illig mir seinen Lektor genannt und mich zu diesem Schritt ermutigt hatte. Der Lektor las mein Ms. wohlwollend und meinte, falls Illigs Buch die kritische Grenze von 10 000 Auflage überschreiten würde, wäre eine Annahme meines Manuskriptes möglich. Der Lektor staunte nicht schlecht, als Illig mich plötzlich diffamierte, und bat mich, den Streit mit Illig beizulegen, sonst würde er das Interesse an meinem Buch verlieren.
Wer nun vermutet, daß ich eventuell aus Rache mein Buch im rechten Grabert-Verlag herausgebracht hätte, irrt allerdings. Es war meinerseits schlichte Unkenntnis der politischen Stellung Graberts. Denn im Gegensatz zu ECON ist der Grabert Verlag praktisch unbekannt, höchstens unter einigen alten Katastrophisten als mutiger Vorreiter der neuen Ideen angesehen: Grabert hat Jürgen Spanuth und Jacques de Mahieu, Sigrid Hunke und Gert Meier, Horken und einige andere Autoren herausgebracht, die im Kreis der Katastrophisten und Vorgeschichtsforscher Ansehen genießen.
Nach Erscheinen meines Grabert-Buches hat übrigens bezeichnenderweise Illig als einziger aller meiner Bekannten den Vorwurf publik gemacht, daß es sich bei diesem Verlag um einen extrem rechtsradikalen Verlag handele. Selbst auf Befragen wußte vorher niemand - auch nicht einige der hier Anwesenden - daß dieser Verlag in Verruf sei. Ich bekam sogar schriftliches Lob von älteren Zeitensprünge-Autoren, in diesem "renommierten Verlag" herausgekommen zu sein.
Ich muß außerdem dazu sagen, daß von den Verlagen, die mein Manuskript geprüft hatten, keiner den Mut hatte, derartig gewagte Ideen zu veröffentlichen. Grabert hatte den Mut, und das ist ihm - genau wie hinsichtlich der Veröffentlichung der anderen genannten Pioniere - hoch anzurechnen.
Der Vorwurf, ich könnte mich mit dem Verlagsprogramm von Grabert identifizieren, ist allerdings absurd. Meinen Sie etwa, als ich meine Bücher bei Diederichs herausbringen durfte, hätte mich irgendjemand auf die Nazi-Vergangenheit dieses berühmten Verlagshauses hingewiesen? Oder es hätte mir jemand einen Vorwurf daraus gemacht, daß ich mein Buch über die Offenbarung des Johannes, in dem ich die Katholische Kirche mit theologischer Argumentation in die Hölle schicke, ausgerechnet in dem erzkatholischen Hugendubel-Verlag veröffentlichte? Im Gegenteil: Man lobte Hugendubel für ein derartig tolerantes Verhalten und seine neue Öffnung! Der Verlag gewinnt Prestige durch seine Autoren, nicht umgekehrt! Ein Krimi wird doch nicht dadurch zur hohen Literatur, weil er bei Rowohlt erscheint.
Des öfteren haben Verleger mir gesagt, daß ich Ihnen zwar kein Geld eingebracht habe, zur Hebung des Niveaus jedoch erheblich beigetragen hätte.
Man sollte also einen Schriftsteller nach dem beurteilen, was er selbst geschrieben hat, nicht nach dem, was parallel in derselben Zeitschrift oder dem Verlag erschienen ist. Daß ich ausgesprochener Philosemit bin und dies in meinen zehn Büchern unter Beweis gestellt habe, wird wohl jeder bestätigen.
Punkt 4): Mittelalterthese
Damit komme ich zum letzten Punkt, meinem neuen Buch, "Erfundene Geschichte", das eigentlich vor dem von Illig geschmähten Buch erscheinen sollte, aber durch die Tücke der Umstände später herauskommt. Es wird wahrscheinlich nicht nur Illig sondern vor allem die übrigen Kollegen wieder versöhnen, da hier die von einem Dutzend Autoren getragene These der Mittelalterkürzung zusammenhängend dargestellt wird, wobei selbstverständlich alle Kollegen und ihre Beiträge explizit genannt werden, was Illig in seinen Büchern leider vermissen läßt. Seine Mitarbeiter kommen oft pauschal ohne Namen vor, wie z.B. auf S. 9 im ECON-Buch (1996), wo der Stifter der Idee für die Mittelalterkürzung einfach "ein Freund" heißt. Wer sich in unserer Szene nicht auskennt, ahnt nicht, wem dieser Ruhm gebürt; daß es Hans-Ulrich Niemitz war, erfährt man erst auf S. 378. Nach dem üblichen Sprachgebrauch hatte ich stets von der Illig-Niemitzschen These gesprochen, wurde aber von Illig scharf gebremst und darf fortan nur noch "Illigsche These" schreiben.
Dieses neueste Buch stellt im Wesentlichen die Illigsche Mittelalterthese dar unter Nennung seiner wichtigsten Arbeiten. In einigen abschließenden Sätzen möchte ich kurz auf den Inhalt eingehen und den Unterschied zu Illigs Buch skizzieren.
Heribert Illig glaubt - wie er in seinem Buch über die Fiktivität Karls d.Gr. und seiner Zeit deutlich macht, - an die Echtheit der Zeitabläufe und Ereignisse vor und nach den Phantomjahren. Zwar mögen auch da einige Dinge gefälscht sein, aber davon abgesehen gilt ihm die Zeittafel von Cäsar bis August 614 grundsätzlich als anwendbar, ebenso wie die Zeit nach September 911 bis zur Gregorianischen Kalenderreform und weiter kontinuierlich bis heute verlaufen sei, wie gesagt: Fälschungen abgerechnet, aber ansonsten verläßlich.
Christoph Marx findet das widersinnig, und ich neige immer mehr dazu, daß Marx Recht hat. Man kann nicht aus einer quarkartigen Masse ein genau begrenztes Stück herausschneiden, den Rest zusammenfügen und dann sagen: Seht her, jetzt stimmst! Ich sehe die gesamte mittelalterliche Geschichte und die meisten Angaben über die uns bekannte Antike als romanhaft und erfunden an, größtenteils ohne jeglichen Faktenhintergrund. Das habe ich in meinem Buch "Die Große Aktion" deutlich zum Ausdruck gebracht.
Warum stelle ich nun doch Illigs These der Mittelalterkürzung um 297 Jahre in einem eigenen Buch dar und führe sogar neue Beweise dafür an?
Mein Zugang ist strikt chronographisch. Ich behaupte nicht, daß in der fiktiven Zeit nichts stattgefunden habe und auch nicht, daß die davor und danach liegenden Jahre mit korrekten Fakten angefüllt seien. Ich behaupte, daß die Mönche bei Erstellung ihrer christlichen Zeitrechnung nach einem symbolischen Zahlenmuster verfuhren, wobei es wegen der Tausendjahrreich-Ideologie auf die Erstellung des Jahres 1001 ankam. Dadurch entstand ein Abstand von 297 Jahren gegenüber anderen Zeitrechnungen, die schon vorher in Gebrauch waren.
Wendet man dies auf die bekannte christliche Geschichtsschreibung an, dann ergeben sich Muster, die an zahlreichen Stellen - nicht überall - die Eckjahre der Phantomzeit, 614 und 911, wie sie Heribert Illig und H.-U. Niemitz vorgeschlagen haben, erkennen lassen. Nicht überall sage ich, und kann das auch zeigen: Für Byzanz z.B. liegen die Eckjahre rund 40 Jahre eher.
Der Zusammenhang mit der islamischen Zeitrechnung wird von mir ebenfalls in neuer Sichtweise vorgestellt: Ich streiche nicht Harun al-Raschid, obgleich ich ihn auch nicht für echt ansehe, sondern ich zeige die Verschiebung der beiden Zeitskalen, der christlichen und der islamischen, wobei wiederum der Abstand von 297 Jahren als nützlicher Rechenfaktor verwendbar ist. Manchem Leser mag dieser neue Zugang nicht gleich auffallen. Er bringt jedenfalls die Berechtigung, ein eigenes Buch darüber zu schreiben, wobei ich natürlich insgesamt auf die Illig-Niemitzsche These aufbaue und sie - wie ich meine - einen Schritt weiterführe.
Kein Tropfen Selbstkritik, Faß voller Selbstverliebtheit und Überlauf der Plagiathysterie
Welche ideologischen Fehler macht Uwe Topper in seinem Buch?
Das betrifft in erster Linie Fomenko und die ganze russische Schule, die sehr radikale Kürzungen und Umwälzungen der Geschichte vorschlägt. Und das geht so weit, daß Illig versucht, Leute, die mit Fomenko zusammenarbeiten, vom Jahrestreffen fern zu halten. Und er weigert sich - unter lächerlichem Vorwand - mit Fomenko telefonisch zu sprechen, als andere sich bemühten, die von Illig konstruierten Mißverständnisse in einem direkten Gespräch aus dem Wege zu räumen.
Und das betrifft auch N.A. Morosow, der in den 20ger Jahren dieses Jh. sich sehr intensiv mit der Chronologiekritik beschäftigte. Für Morosow begann die griechische Antike erst im zweiten Millenium nach Christus und die uralte chinesische Geschichte ist für ihn ein Gedankengespinst aus dem 18 Jh. Zur Antike schrieb der schon erwähnte K. v. Phillipoff:
Kasten 1: »Wenn man die Quellen und die Geschichte unseres Wissens von der "Antike" näher betrachtet, so kann man stutzig werden: Es ergibt sich, daß man im Mittelalter nichts, aber auch absolut gar nichts vom Altertum gewußt hat, keine Urkunde, kein literarisches oder geschichtliches Denkmal bezeugt, daß man im Mittelalter etwas von den Kolossalbauten des "Altertums" oder der reichen "klassischen Literatur" geahnt hat. Und trotzdem behaupten die Gelehrten, daß die riesigen Bauwerke einer vergangenen Geschichtsepoche zwischen den kümmerlichen Häusern des Mittelalters emporgeragt haben (ohne die Neugierde der Bevölkerung je gekitzelt zu haben) und daß die arbeitsamen Mönche in der Dunkelheit ihrer Zellen die Manuskripte der "antiken Klassiker" massenhaft abgeschrieben haben (trotz des Verbots, irgend etwas andres zu schreiben, als Werke religiösen Inhalts, und ohne daß man irgendwo eine Erwähnung dieser Arbeit fände).
Mit seiner ungeheuer scharfen Beobachtungsgabe entlarvte Morosow einige Potentatenreihen des biblischen und klassischen Altertums als Phantomabbildungen der Herrscherreihen aus viel späteren Zeiten. A.T. Fomenko ersetzte die menschliche Beobachtung beim Vergleich der Herrscherlinien durch eine umfassende Komputeranalyse. Er fand ca. 20 neue Übereinstimmungen, die keine Folge des Zufalls sein konnten.
Den Kern des Konflikts zwischen diesen zwei bedeutenden Autoren und Organisatoren der chronologiekritischen Szene sehe ich in den mentalen Unterschieden. Uwe Topper hat starke Züge der mittelmeerischen, etwas chaotischen Mentalität, er ist zugänglich, locker, begeisterungsfähig, aber eben schlecht organisiert und nicht unbedingt einer, der immer nach den deutschen Regeln spielt. Illig ist ein empfindlicher, ehrgeiziger, nicht ganz ohne Komplexe und von seiner Wahrheit überzeugter Perfektionist. Über seine Verdienste wurde schon anerkennend gesprochen, merken wir an dieser Stelle, daß auch U. Topper sich mit seinen zahlreichen Büchern und mit seiner aktiven Teilnahme an der Gründung und der jahrelangen Tätigkeit des Berliner Geschichtssalon verdient gemacht hat.
Und nun - sagen uns die Philologen und Historiker - kam der Humanismus, das Zeitalter der "Wiedergeburt des klassischen Altertums". Die Kolossalbauten inmitten der kleinen Städte werden plötzlich "entdeckt", und Tausende von (ausschließlich in spätmittelalterlichen Lettern geschriebenen) "antiken Manuskripten" werden in Klöstern des "rauhen Nordens" gefunden. Und was das Merkwürdigste ist: Sprache, Weltanschauung und Bestrebungen dieser "neuentdeckten Antike" stimmten haargenau mit der Ausdrucksweise und den Ansichten der Italienischen Renaissance überein. [...]
Wenn wir uns Griechenland zuwenden, so begegnet uns in den byzantinischen Quellen die Erwähnung des kontinentalen Griechenlands als einer undurchdringlichen Wildnis, die von halbwilden slawischen Stämmen dünn besiedelt und von dem Fuß eines "Griechen" nie zuvor betreten worden war. Der deutsche Altertumsforscher Falmeraner hat bereits vor 80 Jahren festgestellt, daß die slawische Bevölkerung Griechenlands die ursprüngliche gewesen ist. Griechenland wurde erst im 9. Jahrhundert, und dann auch nur zum Teil, von Byzanz erobert. Es bildete dann den "Slawischen Gau" des byzantinischen Imperiums und diente lange Zeit als Verbrecherkolonie.
Am Anfang des 13. Jahrhunderts wurden Griechenland und Byzanz von den Kreuzfahrern im vierten, "lateinischen", Kreuzzug erobert und unter den einzelnen Feudalherren, meistens französischer, burgundischer, flämischer und italienischer Herkunft, verteilt. Die Chroniken berichten übereinstimmend von den großen Bauten, welche die Feudalherren in Griechenland errichteten, keiner erwähnte aber auch nur mit einem Wort altertümliche Bauten. Die modernen Archäologen wollen aber keine Spuren der Prachtbauten der lateinischen Herren sehen, alle Ruinen werden ausschließlich dem grauen Altertum zugeschrieben. Ist es aber nicht logischer, auf dem umgekehrten Standpunkt zu stehen? In Griechenland hatten im 13. Jahrhundert die ostfranzösischen Feudalherren die Vorherrschaft. Im 14. Jahrhundert wurden sie von den Katalanen besiegt. Die Hauptschlacht fand in Kephissa statt, wo viele Ritter in einer seichten Sumpfstelle untergingen. Als man im Jahre 1840 dieses Moor urbar machen wollte, fand man viele verrostete Rüstungen, die von den Kennern der "klassischen Geschichte" sofort als Rüstungen des Heeres von Mitridates "erkannt" wurden, das - nach dem Bericht von "Plutarch" - an dieser Stelle von Sulla umzingelt wurde und im Sumpf versackte. Diese Rüstungen haben jedoch eine auffallende Ähnlichkeit mit denjenigen der mittelalterlichen Ritter...
In der Mitte des 15. Jahrhunderts wurde fast ganz Griechenland von den Türken verwüstet, die von der Bevölkerung ausschließlich "Perser" genannt wurden. Tausende von Griechen flüchteten nach Italien. Unter ihnen befanden sich sehr geschäftstüchtige Leute, wie die Gebrüder Chalkokodylas, die in Rom und Florenz reiche Gönner und aufmerksame Zuhörer für ihre Mären von der vergangenen Pracht und Größe ihrer Heimat fanden. Sie besorgten die erste griechische Ausgabe der "Ilias", die sie wahrscheinlich aus dem altfranzösischen Original von Saint-Omer übersetzten. Das beste Geschäft dabei machte aber der pfiffige Kaufmann Kyriakus di Pizzikoli, der "Vater der griechischen Archäologie". Er bereiste Griechenland einige Jahre nach der Verwüstung durch die Türken. Ein Trümmerfeld bot sich seinen Augen. Er gab dem Schloß der Herzöge von Athen (Basileia) den Namen des Tempels von Zeus, dem Olympischen. Das große Palais (Palation Megiston) wurde zu den "Propyläen". Kyriakus war sogar scharfsinnig genug, um in einigen Gebäuden die Häuser von Solon, Thukydides und Alkmaion zu erkennen. Auf Grund der aus dieser Griechenlandreise gewonnenen Erfahrungen und hauptsächlich dank seiner Erfolge in Italien gründete der "Vater der griechischen Archäologie" ein Handelshaus, das, mit Hilfe der besten italienischen Bildhauer jener Zeit, Bestellungen auf Standbilder, Vasen und andere klassische Kunstgegenstände annahm und immer pünktlich ausführte.
So erwuchs aus dem kargen, steinigen Boden Griechenlands die phantastische Mär eines glänzenden Hellas, das 20 Jahrhunderte zurückversetzt wurde ...« (Ende Kasten 1)
Noch mehr: er entwickelte diese Beobachtungen von Morosow zu einem komplexen Schema der Entstehung der heutigen (in Wirklichkeit aus dem 16-18. Jh. stammenden) Geschichtsschreibung: Mehrere Verdoppelungen und Verschiebungen um ca. 90-100, 300-400, 1000 (oder 1053) und 1780 Jahre und deren Kombinationen, sowie zahlreiche Fälschungen, Fehler, Apokryphen, falsch datierte Quellen und vieles mehr führten allesamt zu dem heutigen phantastischen 'Lehrbuch der Weltgeschichte'.
Dieses Lehrbuch macht unsere Geschichte zu einem höchst interessanten Werk, aber nur aus philologischer Sicht, also Literatur statt Wissenschaft. Zu diesem Schluß kommt auch Uwe Topper. Er versucht eine Schritt-für-Schritt-Annäherung an die Wirklichkeit viel mehr, als eine der schulischen Geschichtsschreibung entsprechende Rekonstruktion der Vergangenheit. Und das ist für Illig ideologisch zu viel! Er möchte es bei seinen 300 ausgeschnittenen Jahren belassen und alles andere, was danach folgen sollte, mehr oder weniger beim alten lassen. Mindestens bis er eigene Erklärungen oder Begründungen für die weiteren Kürzungen von seiner Spitze verkünden kann. Illig'sche "Beschneidung" der Geschichte ist ein gelungenes literarisches Exerzierelement, das einem Laien leicht eine unorthodoxe historische Vorstellung suggeriert. Eine komplexe Rekonstruktion der Geschichte à la Fomenko ersetzt sie keinesfalls.
"Topper löst den erheblichen Widerspruch zwischen meinen 300 Jahren und Fomenkos 1000 Jahren nicht auf" schreibt Illig (S. 640). Aber es gibt keinen erheblichen Widerspruch! Die 300 Jahre von Illig sind bestenfalls ein Detailphänomen des oben erwähnten komplexen Schemas, der Fomenko'schen Beschreibung der Struktur des 'Lehrbuchs der Weltgeschichte'. Die komplexe und viel weiter reichende Beschreibung von Fomenko beinhaltet keine unrealistischen "Zeitkürzungen" (wer konnte das machen, wann und wie?), sondern eine realistische - dafür aber viel kompliziertere - Beschreibung der möglichen Wege, die zu dem 'Lehrbuch' in seiner heutigen Form führten.
Keiner zweifelt daran, daß Illig aus ganz anderen Überlegungen als Fomenko zu der Fiktivität von Karl d.Gr. kam. Man sollte sich freuen, daß es unterschiedliche Pfade gibt, die zu gleichem Ergebnis führen können und so die Glaubwürdigkeit des Resultats doppelt untermauern. Aber wo bleibt hier die Befestigung der "Spitzenstellung"? Und Illig beginnt Zweifel an Fomenkos Ergebnissen zu verbreiten und von Fomenko zu verlangen, daß er auch noch die Methode der archäologischen Evidenz unbedingt verwende, (diese Methode ist nach dem eigenen Wesen nur begrenzt verwendbar: man kann sie dort nicht verwenden, wo gut untersuchte archäologische Schichten fehlen, was oft der Fall ist) ohne dabei zu versuchen, selbst die Methoden von Fomenko, die er nicht beherrscht, kennenzulernen und anzuwenden.
Sein Ehrgeiz geht schon so weit, daß er Uwe Topper vorwirft, im Buch nicht zu erwähnen, daß das Treffen in Leonberg am 21.-24.05.1998 ein Zeitensprüngetreffen (also noch ein Verdienst von Illig) war. Bei der Erwähnung der eigenen finanziellen Großzügigkeit (dem finanziell schlecht gestellten Uwe Topper und seiner Frau wurden die Tagungsgebühren erlassen) vergißt Illig zu sagen, daß Topper durch seinen Vortrag zum Erfolg (auch dem Illig zugute kommenden finanziellen) des Treffens beitrug.
Weil die Teilnahme anderer älterer oder unvermögender Chronologiekritiker an der Forderung einer Tagungspauschale (DM 59.-) fast scheiterte oder sie in eine unwürdige Lage brachte, bringt mich dieser Vorwurf von Illig eher auf den Gedanken, daß man eine allgemeine Regelung treffen sollte: Die in Zukunft Vortragenden und interessierten Gäste, für die diese Pauschale eine zu hohe Belastung darstellt, sollten generell und offiziell gratis an den Jahrestreffen teilnehmen dürfen. Und das ist die Aufgabe von H. Illig - den am liebsten allein entscheidenden und die finanzielle Verantwortung mit niemandem teilenden Organisator der Jahrestreffen - dafür zu sorgen, daß die Sponsoren nicht nur dann ihre Brieftaschen öffnen, wenn niemand aufs Trockene geraten darf (s. dazu Zeitensprünge 2/98, S. 179 unten).
In diesem Zusammenhang muß die unglückliche Situation in der chronologiekritischen Szene noch einmal überdacht werden. Nach der Selbstauflösung des Vereins GRMNG e.V. (1982-88) sind die Chronologiekritiker, die sich um den alten Kern dieses Vereins bis heute gruppieren, zur Abonnentengemeinde der Zeitschrift Zeitensprünge degradiert worden. Das ist einerseits sehr bequem, weil sämtliche finanziellen und organisatorischen Fragen von einer Person gelöst werden müssen. Und die allgemeine Meinung bei der überwiegenden Mehrheit der Gemeinde ist, daß diese Person, Herr Dr. Heribert Illig, seine Sache gut macht. Dafür sollen wir alle (ich bin auch ein Abonnent) ihm dankbar sein (und wir sind es teilweise auch, weil wir zu faul sind, um uns in die lästige organisatorische Arbeit einzumischen).
Nun hat aber diese eigenartige Organisation der Dinge auch gewisse Nachteile, insbesondere für diejenigen, die nicht gewöhnt sind, von Gunst oder Ungunst eines Einzelnen abhängig zu sein. Nicht jedem gefällt es, daß Herr Illig allein und frei entscheiden kann, wer darf und wer darf nicht zur Gemeinde gehören, wer darf und wer nicht während des Jahrestreffens vortragen. Es gibt sogar solche, die damit nicht einverstanden sind, daß ihre Artikel in Zeitensprünge nicht veröffentlicht werden, weil Herr Illig das aus ideologischen oder persönlichen Erwägungen nicht will. Und ich muß gestehen, daß ich zu solchen Leuten gehöre.
Als Neuankömmling in der Szene, der schon einige unangenehme Auseinandersetzungen mit Herrn Illig gehabt hat, meine ich, daß die folgenden drei Dinge auseinander gebracht werden sollten:
Eine andere Frage ist, ob ein Jahrestreffen genügt? Ich persönlich wäre mindestens für ein weiteres Treffen (eine Herbsttagung? Z. B. am 7. November, am Tag der Großen Oktoberrevolution?)
Ich habe diese Vorschläge Herrn Illig gemacht und wurde als jemand verstanden, der die feindliche Übernahme plant. In Wirklichkeit möchte ich die Worte von H. Illig, daß "die Zeitschrift in eine Auflage hineingewachsen ist, die wissenschaftlichen Zeitschriften entspricht" aufgreifen und vorschlagen, nicht nur durch die Auflage, sondern auch durch andere für wissenschaftliche Zeitschriften übliche Merkmale (Kollegialität, Objektivität, Abstand von Subjektivität etc.) zu versuchen, noch höheres Niveau zu erreichen und noch mehr Ansehen zu gewinnen.
Das Gleiche betrifft die Jahrestreffen: Jeder, und nicht nur Freunde von Herrn Illig sollen die Möglichkeit bekommen, über seine "häretische" Forschung öffentlich vorzutragen. Und wenn es Themen (keinesfalls Personen) gibt, die außerhalb des Programms bleiben sollten, dann soll das durch das Organisationskomitee und nicht durch eine allein entscheidende Person öffentlich und im voraus bekanntgegeben werden.
Illig hat das Buch mit den Augen eines krankhaft ehrgeizigen und egozentrischen Konkurrenten gelesen und hat - meines Erachtens - mit seiner Rezension sich und seiner Zeitschrift in erster Linie geschadet. Das habe ich versucht hier zu zeigen. Ich habe keine Angst, mit diesen kritischen Zeilen für das Bulletin "Zeitensprünge" zusätzliche Reklame zu machen. Trotz allem Personenkult "des großen Illigs", trotz seines übertriebenen Ehrgeizes, trotz seiner geistigen Vereinnahmebestrebungen ist das eine interessante und nützliche Zeitschrift mit vielen hervorragenden Autoren, zu welchen ich auch die beiden Kontrahenten der besprochenen Rezension zähle.
Es ist eine individuelle Entscheidung, welche Mentalität dem einen oder anderen mehr gefällt. Ich sehe in beiden Plus und Minus, möchte aber warnend ein Zitat aus "Der Spiegel" Nr. 51 vom 14.12.1998 bringen. Auf der S. 183 äußert sich der polnische Schriftsteller Szcypiorski so: "Der Perfektionismus ist der größte Dämon der deutschen Identität. Sie (die Deutschen - E.G.) müssen immer ... alles besser machen als die anderen. Noch vor zehn Jahren war die Bundesrepublik die beste Kopie der USA und die DDR die beste Kopie der Sowjetunion, die man sich denken konnte. Die Sowjets, die aus Leningrad oder Moskau nach Ost-Berlin kamen, fühlten sich beschämt, weil sie nicht so gute Kommunisten waren wie die DDR-Genossen. Die Deutschen sind immer so gründlich - im Guten wie im Bösen."
Lassen Sie, meine Herren Chronologiekritiker, die Prioritätsbataillen Sache der Historiker bleiben. Und sollten die letzteren sich für die Sie so bewegenden Prioritätsfragen nicht interessieren, dann haben Sie Ihre Hausaufgaben sowieso nicht gemacht.
Der durchschnittliche Leser (s. S. 641 ganz oben) interessiert sich kaum für die Namen und so dumm ist er auch wiederum nicht, um zu glauben, daß alles, was in einem Buch steht, nur vom Autor erdacht wurde. Die meisten Beteiligten an der Geschichtsrekonstruktion wissen sowieso besser als Neuankömmlinge wie U. Topper (nach Illig erst seit 1994 in der Szene) oder der noch später (1997) zugestoßene Autor dieser Zeilen, was und wann Illig schon veröffentlichte.
Es gibt so viel zu tun, um die Geschichtsrekonstruktion in das Bewußtsein der Menschen zu bringen und die professionellen Geschichtsgelehrten zu bewegen, sich endlich an die wirklich notwendige prinzipielle Forschungsarbeit im Rahmen der verkürzten Menschheitsgeschichte zu begeben. Da braucht man das Bündeln der wenigen vorhandenen Kräfte und keine vehemente Reinhaltung der eigenen Reihen nach Bolschewiki-gegen-Menschewiki-Kampfmuster.
Keiner will die wirklichen Verdienste von H. Illig streitig machen. Durch intensive eigene Forschung, als Herausgeber einer erfolgreichen Zeitschrift, als Verleger von interessanten Büchern, als aktiver Autor und als erfolgreicher Organisator der jährlichen Treffen der "Zeitensprüngler" hat er sich wirklich verdient gemacht. Aber jeder hat das Recht, gegen die Selbstverherrlichung des Herausgebers, seine Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen, seine Gutsherrenart der Geschäftsführung zu protestieren, auch wenn er damit rechnen muß, daß er bald zu einer weiteren persona non grata erklärt wird, mit welcher er "jeden Kontakt [...] abgebrochen" (S. 642) habe.
Dr. Eugen Gabowitsch, Im Eichbäumle 85, 76139 Karlsruhe, Tel.. 0721/689458, Fax: 0721/684390.
E-mail: eg@iai.fzk.de
Karlsruhe, den 01.02.1999
Kasten 2:
"Meine bahnbrechende These" (Illig)
Christoph Marx (Basel), 05.1.1999
(Einige Abkürzungen wurden hier voll ausgeschrieben)
(1) Daß Karl der Große eine legendäre Figur und seine historische Umgebung fiktiv sein könnte, kam s. Zt. aus der Gesellschaft für die RMNG; es gibt da keine Prioritäten zu beachten (eh ein wissenschaftlicher Unfug). Illig "et al" ist dann die Fleissarbeit des Zusammentragens archäologischer, philologischer und kunsthistorischer Nachweise zu danken, welche aus Karl dem Großen tatsächlich den Fiktiven machen. Indessen hat es Illig infolge seiner dürftigen Analyse nicht vermocht, Prototypdynastien für die Karolinger zu eruieren (wie schon Jahre zuvor Fomenko "et al"[1] gezeigt hatten).
(2) Indessen meldet Illig seinen Prioritätsanspruch auf die bahnbrechende Dummheit einer "300 Phantomjahre"-These an: die Dummheit läuft darauf hinaus, daß diese "300 Phantomjahre" ja Teil des Konstruktes des "1." Jts des christlichen Kalenders sind, welches ca. im Duocento überhaupt erst der christlichen Zeitrechnung vorkonstruiert wurde (indem durch Experimente zur Retrokalkulation des Sterbedatums der allerdings historisch gar nicht nachgewiesenen Epochenfigur des christlichen Kalenders - ein Astralheld "Iesus" des lateinischen Theaters - etwas über 1000 Jahre "Geschichte" aufkeimten). Das geistige Eigentum an der "300 Phantomjahre"-Culiosität, welche in de.sci.geschichte (eine Newsgroup E. G.) oft so viele Geister beschäftigt, wird Illig wohl niemand streitig machen wollen.
Indessen gehören die echten Prioritäten für vorneuzeitliche "Phantomjahre" resp. statistisch signifikant von einander abhängige Phantom- und dann auch Prototypdynastien dem Fomenko-Team (und zum Teil sogar dessen Vorgänger Morosow), die schon lange vor Illig's Priorität publiziert wurden (indessen glaubhaft Illig z.Zt. seiner "300 Phantomjahre"-Erleuchtung noch nicht bekannt waren).
(3) Zwecks Zeitensprung und -ersparnis ist hier aber noch eine überhaupt erst in der Zukunft angesiedelte Priorität Illig's bezüglich Katastrophen vorwegzunehmen: Zunächst entging ihm ja schon die Einsicht seines Heros Egon Friedell (trotz der Auflistung von dessen Werken, für die ihm die Universität Bremen den Doktorgrad lieferte), der zu Beginn der Neuzeit ("per definitionem" 1348, begleitet von den bekannten Kataklysmen) "einen großen Ruck" das ganze Sonnensystem erschüttern sieht; darüber hinaus verpaßte Illig aber auch noch die der Gregorianischen Kalenderreform inhärente Logik, welche Friedell's "Grossen Ruck" in der Mitte des Trecento (d.h. eine letzte Repositionierung der Erde nach einer Serie von exoterrestrisch verursachten Kataklysmen) naturgeschichtlich ja noch bestätigt: Da andererseits aber auch klar ist, daß ein Erfinder bahnbrechender Thesen derartigen Einsichten doch eigentlich selbst auf die Spur kommen müßte, um damit geistiges Eigentum anzusammeln, ist einer - selbstredend wiederum bahnbrechenden - Illig'schen Katastrophenpriorität für sein neu erfundenes Mittelalter nicht mehr auszuweichen.
Illig's Gottesanbeterinnenverlag will "ab Neujahr das Internet bedienen" (der Bückling in "bedienen" ist nett...): Wenn das famose "Tropfen, Faß und Überlauf"-Elaborat der Apero dessen ist, was dort noch als Suppe und Hauptgang serviert werden wird, was wird uns wohl zum Nachtisch noch gereicht?
[1] A. T. Fomenko "Empirico-Statistical Analysis of Narrative Material and its Applications to Historical Dating" (Kluwer Academic Publishers 1994 Dordrecht/Boston/London) Vol. I "The Development of the Statistical Tools", Vol. II "The Analysis of Ancient and Medieval Records".
A. T. Fomenko, V. V. Kalashnikov, G. V. Nosovsky "Geometrical and Statistical Methods of Analysis of Star Configurations: Dating Ptolemy's Almagest" (CRC Press 1993 Boca Raton/Ann Arbor/London/Tokyo)
von Christoph Marx, Basel
1
Nun ist allerdings hinzuzufügen, dass wir es primär mit dem Kollektiv & dessen Aufklärung durch die RMNG, aber nur beiläufig mit Individuen & ihren Befindlichkeiten zu tun haben. Nach dieser Einsicht zu handeln produzierte seit eh&je Schwierigkeiten, & nicht danach zu handeln war schon immer das Merkmal Aller, die sich nur von einzelnen Aspekten fasziniert & von der Sucht nach persönlichem Ruhm motiviert (nach Gunnar Heinsohn allgemein die wichtigste Triebfeder) fühlen, vom Erregungshintergrund der kollektiven Amnesie indessen lieber gleich gar nichts wissen wollen.
Es sind diese Umstände, die im deutschen Sprachraum auf Betreiben Illig's & Heinsohn's (zT sogar durch unfaire Mittel) zur Auflösung der GRMNG führten & jetzt verhindern, dass die RMNG zentrale Aufgaben im Internet hätte übernehmen können; es sind dieselben Umstände, die im englischen Bereich (SIS) bereits kurz nach Gründung zur reaktionären Abkehr von Welten im Zusammenstoss (durch endloses bibelfundamentalistisches Geschwätz) führten, & die mit dem Saturnschwerpunkt bei der 25jahrejubiläumsveranstaltung im September 1999 ihren Höhepunkt erreicht haben wird; und es sind auch dieselben Umstände, die im amerikanischen Bereich durch epigonenhafte Ansprüche ehemaliger Kronos-Leute (Cardona, Cochrane, Ellenberger &c) nach 20 Jahren Phrasendrescherei über SFF in der Kronialiste fröhlich mit immer demselben Hokuspokus unermüdlich weiterlaufen.
Gewiss, bis vor wenigen Jahren liess sich sagen, dass die RMNG noch zu keinem endgültigen Ergebnis gelangt sei & deshalb die Arbeit an der Rekonstruktion der Vergangenheit noch im Vordergrund stehen könne, obwohl ich schon seit bald 15 Jahren auch immer wieder zur Diskussion von Aufklärungsstrategien (wozu eben der Gedanke einer GRMNG gehörte) drängte. Da derartige Strategien zur Aufklärung des Kollektivs das ruhmsüchtige Individuum nun allerdings ganz in den Hintergrund stellten, fielen solche Anregungen natürlich nie auf fruchtbaren Boden.
Seither sind indessen die grundsätzlichen natur- & menschheitsgeschichtlichen Fragen abschliessend beantwortet, insbesondere mit dem Letzten Grossen Ruck in der Mitte des Trecento, mit der davorliegenden Wahnzeit & mit den Ansätzen aus der sRMNG (Fomenko moderiert), & bis zum Untergang der alten Reiche mit der archäologischen relativen RMNG (Heinsohn) sowie den begleitenden naturgeschichtlichen Vorgängen (WiZ). Dies bedeutet
(1), dass endgültige Vorgaben für weitere RMNG-Arbeit vorliegen;
(2), dass zu diesen Vorgaben die Unmöglichkeit gehört, sichere historische Rekonstruktionen für Zeiten vor dem Trecento zu liefern;
(3), dass zu diesen Vorgaben (i) die Tatsache kollektiver Verdrängung & deshalb (ii) die Tatsache der Lieferung dieser kollektiven Verdrängung durch die PRW-Denksysteme gehört;
(4), dass Individuen, die an der RMNG arbeiten, sich gegenüber dem Kollektiv zu diesen Vorgaben bekennen müssen; &
(5), dass die RMNG, wenn sich die Aufklärung im Kollektiv durchsetzt, durch die Bewusstwerdung des Erregungshintergrundes immer unwichtiger wird, dh sich das Kollektiv im Bewusstsein um die Kataklysmen bis zur Mitte des Trecento gar nicht mehr besonders um die Vergangenheit kümmern wird (so wie die Geschichte den Kollektiven mit nichtetymisierender Sprache, wie den Chinesen, eben recht gleichgültig bleibt).
Damit steht heute die RMNG also wie blockiert vor einer Wand finaler Ergebnisse, die nur noch durch Arbeit an Durchsetzungsstrategien zu überwinden sein wird. Törichte Erdichtungen wie Illig's Phantomjahre- & Fälschungsthesen sind zwar (der Theorie kollektiver Amnesie folgend) im PRW-Rahmen erfolgreich, liefern aber lediglich kollektive Verdrängung & müssen geradeso als reaktionär aufgefasst werden, wie es zB ebenfalls die Heinsohn'sche Erhebung Hitlers zur Intelligenzbestie ist, zum Heros des Holokausts, das mit irrationalem Verhalten des Kollektivs jetzt nichts mehr zu tun haben soll (Heinsohn, Gunnar, 1997: "Warum Auschwitz?" Reinbek).
Allerdings scheitern auch gescheite Theorien, wie jene des Fomenko-Teams, weil sie nicht den kataklystischen Vorgaben folgen & es scheitern sogar solche, die zwar für die RMNG nützliche Unterlagen liefern könnten (wie zB der C14-Crash), weil sie als Bücher noch immer isoliert vom kollektiven Umfeld, dh im Internet von den Autoren weder verteidigt noch aktiv verbreitet werden.
Um dem Kollektiv die Selbstaufklärung mit Mitteln der Informatik überhaupt zu ermöglichen, sind die PRW-Arbeitsmethoden, welche die kollektive Amnesie liefern, auszugrenzen. Eines der zentralen PRW-Instrumente zur Verfälschung von Tatsachen ist nun aber gerade das extrem individualistisch operierende "Copyright", das Individuen vom Kollektiv beaufsichtigte Rechte über Meinungen verleiht & welches zB im irrationalen Kollektivverhalten der Wissenschaftler zu individuellen anstatt sachgerechten Bezügen missbraucht wird. Wenn also im RMNG-Umfeld nach "richtigen" Verhaltensnormen für Wissenschaftler gefragt wird, sehen wir uns mit einer völlig irreführenden Ermittlung, resp Inquisition konfrontiert. Von der RMNG ausgehend kann nur danach gefragt werden, wie die wissenschaftliche Methode des Zitierens & überhaupt die individuellen (seien es nun die Tatsachen & Meinungen auf- als auch abwertenden) Copyrightbezüge ausgegrenzt werden können.
Am praktischen Beispiel erläutert: Aus RMNG-Sicht ist es vollkommener Unfug, Websites unter persönlichen Namen einzurichten wie etwa ZeitenSprünge bei Günter Lelarge oder den BGS bei Christian Blöss. Ebenso ist zu vermeiden, Argumentationen (Papers, Artikel, Sachbücher &c) über Personennamen anstatt programmatische Titel resp Suchbegriffe zugänglich zu machen: womit zugleich dann auch jegliche individuellen "Prioritäten" & analog unsinnige Ansprüche ausgegrenzt werden. Wissenschaftliche Ansprüche an die RMNG zu stellen ist deshalb von vornherein völlig unvereinbar mit ihrer (kollektiv-psycho-)analytischen Arbeitsweise & imperativ abzulehnen. Eine Diskussion wie die vom BGS herbeigezerrte könnte sich letztenendes also nur um das Aufstellen von Richtlinien drehen, welche RMNG-Verhaltensweisen gegenüber dem PRW-Kombinat zur Ausgrenzung wissenschaftlicher (dh Verdrängungs-)Arbeitsstrukturen festschreiben.
& als weiteres Praxisbeispiel: Wer sich dann dem RMNG-Verständnis für rein sachbezogene Referenzen nicht verpflichtet sieht, wird seinen Ansprüchen auf Huldigungen schlicht entsagen müssen.